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Psychologische Gesundheitsdiagnostik aus interdisziplinärer Sicht

Trotz immenser und rasant zunehmender Erfolge in Forschung und Therapie, wird das Gesundheitswesen der Industriestaaten zunehmend mit seinen Konzepten selbst als krank angesehen. Dies hat zu einer beachtenswerten Ausweitung von Fragen und Ansätzen geführt. Die Ergebnisse der Stress- und Bewältigungsforschung, der Life-event-Forschung, der sozialepidemiologischen Forschung zu Schutzfaktoren, die experimentellen klinischen und psychologischen Untersuchungen weisen alle gemeinsam auf die Bedeutung personaler und interpersoneller Ressourcen im Prozess der Auseinandersetzung mit krankheitswertigen Belastungen hin.

Diese Perspektive wird auch durch bahnbrechende Erkenntnisse zur Interaktion zwischen ZNS, endokrinem und Immunsystem bei der Regulation basaler physiologischer und biochemischer Prozesse gestützt. Hierzu gehören auch die hoch interessanten, ganz aktuellen Ergebnisse zur Plastizität neuronaler Vernetzungen, zur Regenerationsfähigkeit des Nervensystems und der so gestützten emotionalen, kognitiven und motorisch-koordinativen Lernfähigkeit, also der Plastizität bis ins hohe Alter.

Betrachten wir die gegenwärtige Gesundheitssituation so stellen wir fest, dass mindestens jeder zweite Patient im Sprechzimmer des Allgemeinmediziners dort wegen funktioneller Störungen Behandlung oder Ansprache sucht. Allein für klinisch relevante depressive Störungen beträgt das Lebenszeitrisiko ca. 20%. Mit einer Punktprävalenz von 6% oder 3,1 Millionen Menschen ist die Depression in Deutschland eine der häufigsten Erkrankungen. Von denen werden aber nur 50 % erkannt. Die Zahl der Selbsttötungen ist 2-3mal so hoch wie die tödlichen Verkehrsunfälle. Nach einer Studie der WHO stellen Depressionen und ihre Folgen bereits die zweithäufigste Todesursache dar. Nur 10% weniger Destruktivität und depressive Leistungseinschränkung brächten weltweit 1000 Milliarden Dollar mit einem Konjunkturschub für Millionen neuer Arbeitsplätze. Dies seien die schlummernden Ressourcen der Megabranche Gesundheit. Allein 85% aller Führungskräfte Deutschlands leiden unter Schlaflosigkeit, nervösen Magenproblemen, Herzrhythmusstörungen und Erschöpfungszuständen. Gleichzeitig auch unter einem sinkenden Gesundheitsbewusstsein infolge Arbeitsdruckes (Karlsruher Institut für Arbeits- und Sozialhygiene).

Nach einer Studie der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehen (Daten von 2000) der Deutschen Wirtschaft jährlich 5 Milliarden DM dadurch verloren, weil Arbeitnehmer durch psychische Störungen ausfallen. Von 8 Milliarden Verlust an Schweizer Franken ist in einer anderen Studie aus dem Alpenland die Rede. Arbeitgeber in Japan sind seit einiger Zeit gesetzlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter in den Urlaub zu schicken, da immer häufiger Arbeitnehmer an "Karoshi" (plötzlicher Tod durch Überarbeitung) starben.

Die genetische Datenmenge, die uns mitgegeben wird, passt in etwa auf eine CD-Rom. Die von uns erbrachten Leistungen und Fähigkeiten sind etwa 10³ und mehrfach höher. Dies lässt sich nur mit der Plastizität und Lernfähigkeit unserer neuronalen Anlagen erklären. Mithin liegt es in unserer Hand, was wir aus unseren Anlagen machen. Die genannten Störungen sind überwiegend nicht durch bildgebende Verfahren oder Laborbefunde sicher darzustellen. Vielmehr sind psychodiagnostische Vorgehensweisen unverzichtbar.

Wir verwenden z. B. in unserer Klinik ein umfangreiches psychodiagnostisches Testmaterial zur Erfassung von Störgrößen aber auch Ressourcen unserer Patienten. Damit werden etwa 1000 Patienten aus klinisch relevanten Gruppen jährlich untersucht. Die abschließende Auswertung eines über drei Jahre laufenden Projekts wird im April 2002 erfolgen.

Bei einem anderen Forschungsansatz wurden 357 Patienten während einer stationären Rehabilitationsmaßnahme zu Beginn und am Ende der Behandlung untersucht. Dabei wurde ein alters- und geschlechtsvalidierter interdisziplinärer Funktionsmessplatz eingesetzt. Der Funktionsalterindex konnte durch das Behandlungsprogramm bereits in nur vier Wochen signifikant um drei Jahre verbessert werden. Ein hervorragendes somatopsychosoziales Screeninginstrument zur Erfassung der altersgemäßen Funktionstüchtigkeit und Befindlichkeit mit einer robusten Sensibilität, z. B. im Einsatz zur Früherfassung und zur Erfolgskontrolle (Hahn, M.). Insbesondere auch im präventiven und auch Gesundheitsbereich.

Udo Michalak
MEDICLIN AG, Edertalklinik Bad Wildungen

Literatur:

  1. Hahn, M.: Die Anwendung der interdisziplinären präventiv-medizinischen Funktionsdiagnostik (IPF) zur Optimierung der stationären Heilbehandlung. Med. Dis, Med. Fak, Charite Berlin. 2002.
  2. Michalak, U. und Meißner-Pöthig, D.: Vitalität und Befindlichkeit: Stellenwert mental-psychologischer, emotionaler und psychologischer Diagnostikparameter für die Vitalitätsberatung in: Vitalität und ärztliche Intervention, Hippokrates-Verlag 1997.
  3. Spitzer, M.: Geist im Netz. Modelle für Lernen, Denken und Handeln. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin, Oxfort, 1996.

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