Präventionsmedizin im Wandel
Demografischer Wandel und evolutionsbiologisch unangemessener Lebensstil führten in den letzten Jahrzehnten zu einem veränderten Krankheitspektrum in der Bevölkerung. Altersassoziierte Lifestyle- und Volkskrankheiten nehmen zu, Funktions- und Befindensstörungen dominieren den ärztlichen Alltag. Leistungserbringer und Kostenträger müssen diesem Wandel aus Qualitäts- und Kostengründen mit grundlegend veränderten Lösungsansätzen begegnen.
Im Arbeitsprozess hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahren bereits ein successiver Wandel präventivmedizinischer Schwerpunkte und Inhalte vollzogen.
- Verhältnisprävention / Risikomanagement:
- Gesundheitsschutz im Betrieb (reine Krankheitsverhütung, BK, Ergonomie, Gefährdungsbeurteilung …)
- Humanisierung des Arbeitslebens (Arbeitsinhalt, Mitarbeiterbeteiligung …)
- Verhaltensprävention/ Ressourcenmanagement:
- Gesundheitsförderung in den Unternehmen (Optimierung der dynamischen Größen Gesundheit, Vitalität und damit Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit; Gesundheit als Produktivitäts- und Rentabilitätsfaktor)
- Verhältnis- + Verhaltensprävention / Risiko- + Ressourcenmanagement:
- Integratives betriebliches Gesundheitsmanagement
Dem klinischen „Gesundheits“wesen (besser: Krankheitswesen) steht dieser Paradigmenwechsel noch bevor und kommt einer Kopernikanischen Wende in den Handlungsfeldern und Rahmenbedingungen der Akteure gleich; geht es doch darum, in den derzeitigen Denk- und Systemstrukturen des medizinischen Expertensystems (siehe auch: krankheitsorientierte Aus- und Weiterbildungsinhalte, Klassifikations-, Diagnose- und Behandlungsalgorithmen (ICD), Forschungslandschaft, Technologien und Dienstleistungen, Angebots- und Versorgungsstrukturen, ökonomische und ethische Anreiz- und Wertesysteme) bei alters- und lifestylebedingten Gesundheitsstörungen vom „Materialfehler“ zum „Bedienungsfehler“ umzuschalten, von der Krankheit zur Gesundheit, von pathogenetischen zu sanogenetischen Diagnose- und Interventionsmodellen, vom passiven Konsumenten resp. „Patienten“ (dem „Duldenden“ im wahrsten Sinne des Wortes!) zum Versicherungsnehmer mit den Rechten, aber auch Pflichten als mündiger, eigenverantwortlicher „Manager“ seiner Gesundheit.
Last not least wird dieser Paradigmenwechsel erst dann zügig vorankommen, wenn für diesen Prozess auch klassische Marktmechanismen klug genutzt werden; das heißt im Klartext: weg von der Nachfragemanipulation des Marktes nach Krankheitsreparatur, wie in der Vergangenheit praktiziert, hin zu einer transparenten und seriösen Nachfrageerzeugung nach Gesundheitserhalt und Vitalisierung, weg von der doppelbödigen Unterstützung der Kaskomentalität vieler Versicherten und Mitarbeiter in Gesundheitsfragen, hin zur Belohnung von Eigenverantwortung im Umgang mit den eigenen biologischen und seelisch-sozialen Ressourcen, weg von rein medizinischen „Versorgungs“-, hin zu innovativen und kundenorientierten Dienstleistungsstrukturen mit qualitätsgesicherten präventiven Angeboten.

Prävention und Gesundheitsversorgung: IST- Zustand (nach Hurrelmann
et al. 2004)
Prävention und Gesundheitsversorgung: SOLL - Zustand (nach Hurrelmann
et al. 2004).
Erstaunlicherweise wird in dieser Darstellung zwar der integrative Ansatz
von präventivem Handeln betont, jedoch der salutogenetische und ressourcenorientierte
Ansatz der Gesundheitsförderung völlig vernachlässigt .
Das Aufgreifen dieses Jahrhunderttrends (Nefiodow), dieser fachliche Trendwechsel vom selektiven Reparaturansatz bei lifestylebedingten Volkskrankheiten zur Integrativen Präventionsmedizin und Versorgung ist für unser Land geradezu lebenswichtig; Experten setzen die Kostenersparnis durch eine durchgängige und konsequente präventive Intervention (primäre, sekundäre und tertiäre Prävention) bei Volkskrankheiten bei bis zu 90% unseres jetzigen selektiven Reparaturbetriebes an (Federschmidt).
Während man im klassischen Medizinsystem vordergründig immer noch die Suche nach „Materialfehlern“ und die Reparatur von Krankheiten (pathogenetische Sichtweise) praktiziert, werden in anderen Bereichen der Gesellschaft - im Zusammenhang mit Berufs-, Zivilisations- und sogenannten Volkskrankheiten, aber auch unter dem Aspekt von Grundbedürfnissen der Verbraucher wie Fitness und Bodystyling, Beauty und Wellness, Work-Life-Balance und Stressmanagement, Anti-Aging und Vitalisierung, Tourismus und Freizeit, Produktivität und Beschäftigung etc. - immer stärker sanogenetische, sprich ressourcenorientierte Diagnose- und Interventionsmodelle diskutiert.
Präventionsmedizin und Gesundheitsmanagement - ökonomische und sozialpolitische Ressource im 3er-Pack
Der Faktor Präventionsmedizin und wird in dreifacher Hinsicht eine strategische Ressource sein:
- Präventionsmedizin als volkswirtschaftliche Ressource: Niedrigere Gesundheits- und Sozialabgaben für das Expertensystem „Krankheitswesen“ (und das bei offenkundig verbesserter Qualität) sind – solange diese Kostenstrukturen in unserem Land an den Erwerbsmarkt gekoppelt sind - gleichbedeutend mit niedrigen Arbeitskosten!
- Präventionsmedizin als Innovationsressource: veränderte Strukturen und Dienstleistungen im Gesundheitsmarkt rufen nach neuen Berufsbildern und eröffnen zukunftsträchtige Beschäftungsfelder!
- Präventionsmedizin als betriebliche Ressource: der gesunde, vitale Mitarbeiter ist ein positiver Produktivitäts- und Rentabilitätsfaktor im Unternehmen!
weitere Literatur
- Gesundheitsförderung und Prävention: Ziel ist anhaltend hohe Lebensqualität. Nur mit der Umsetzung präventiver Strategien können die sozialen und ökonomischen Herausforderungen des veränderten Krankheitsspektrums bewältigt werden. (Klotz, Haisch, Hurrelmann. Dtsch. Ärztebl 2006 [10]: A606-9)
- Zukunftsperspektiven der Rehabilitation: Blick auf den ganzen Menschen (Rische, Dtsch. Ärztebl 2006 [10]: A604-6)
